Projekt HafenCity

Die HafenCity: Alt und Neu im Dialog

Das Foto zeigt das Areal der HafenCity in den 90er Jahren

Die ersten Kreuzfahrtschiffe legten schon in der Entstehungsphase der HafenCity an und sind seither eine Attraktion nicht nur für Touristen geblieben (© Staatsarchiv Hamburg)

Aber nicht nur für die Industrie wuchs die Bedeutung des Hamburger Hafens stetig, sondern auch für die zunehmende Zahl der europäischen Auswanderer, die sich von hier aus nach Süd- oder Nordamerika verschiffen ließen: Für sie war die Hansestadt das Tor zur Welt. Eine der ersten Abfertigungshallen für Auswanderer wurde auf dem Strandkai gebaut; erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand die sogenannte Auswandererstadt auf der Elbinsel Veddel. Mehrere Jahrzehnte lang war das Areal der HafenCity also der Schauplatz eines beispiellosen Wachstums und Brennpunkt (welt-)geschichtlicher Ereignisse, bis der Erste Weltkrieg dann die Entwicklung bremste. Danach lag der Handel lange darnieder und den in den 1920er-Jahren endlich folgenden Aufschwung bremste die Weltwirtschaftskrise gleich wieder aus.

Der Zweite Weltkrieg veränderte das Gesicht des Hafens schließlich für alle Zeiten. Zunächst war er Schauplatz von NS-Verbrechen: Vom Hannoverschen Bahnhof aus wurden zwischen 1940 und 1945 mindestens 7.692 Juden, Sinti und Roma in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert, mehr als 6.000 von ihnen starben dort. Nach Kriegsende wurden die Reste des zerstörten Bahnhofs abgerissen und der Ort geriet in Vergessenheit. Erst mit der HafenCity rückt er nun wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Sein ehemaliger Standort liegt im Bereich des geplanten Quartiers Am Lohsepark. Die Gestaltung eines würdigen Erinnerungsortes und eines Dokumentationszentrums ist wesentlicher Bestandteil bei den Planungen rund um den Lohsepark.

Doch das Dritte Reich nutzte den Hafen nicht nur für Deportationen; er war auch kriegswichtiger Verkehrsknotenpunkt sowie Industriestandort – und damit Ziel alliierter Bombenangriffe: Circa 70 % der Speicher und fast 90 % der Kaischuppen wurden zerstört. Nach 1945 begann zwar bald der Wiederaufbau; dabei wurden die Anlagen sogar noch einmal modernisiert und die Verheißungen des Wirtschaftswunders versprachen auch starkes Wachstum beim Güterumschlag. Doch ein weiterer revolutionärer Umbruch stand unmittelbar bevor. 1956 wurde der Frachtcontainer erfunden; für die neuen größeren Containerschiffe waren die alten Hamburger Hafenbecken jedoch zu klein und zu flach und die Lagerflächen bei weitem nicht groß genug. Tieferes und breiteres Wasser, mehr Lagerfläche und dafür weniger Kaimauerlänge waren nun vonnöten.

Südlich der Elbe entstanden deshalb eigene Containerterminals. Die innenstadtnahen Hafenbecken, Kaianlagen und Schuppen konnten zwar weiter von der konventionellen Schifffahrt genutzt werden, auch Waren wurden noch gelagert und verarbeitet sowie Energie produziert, doch die Bedeutung des Areals für die Industrie nahm immer weiter ab, bis der Senat 1997 beschloss, auf diesen Flächen eine neue Stadt, die HafenCity, entstehen zu lassen und gleichzeitig den Hafenausbau Altenwerders zu finanzieren.

Spuren einer bewegten Geschichte werden auch im neuen Stadtteil allgegenwärtig sein. Als verbindendes Element und Entrée funktioniert das historische Backstein-Ensemble der Speicherstadt: Denn während die denkmalgeschützten Gebäude weitgehend unberührt bleiben, sind schon heute neue Mieter hinter den verklinkerten Fassaden eingezogen. Neben Museen und traditionellen Warenlagern finden jetzt Multimedia-Agenturen, Kreative und Kulturschaffende ihren Platz. Seit 2008 bilden Speicherstadt und Projektareal HafenCity gemeinsam den neuen Stadtteil HafenCity.

Für die HafenCity selbst sind vor allem die alten Hafenbecken prägend: Ihre Kaimauern werden saniert und ihre weiten Wasserflächen tragen zur Attraktivität der HafenCity bei. Teilweise lassen sie sich neu interpretieren, beispielsweise im Sandtorhafen als Traditionsschiffhafen mit historischen Dampfern, Segelschiffen und Kränen.

Auch einige historische Gebäude bleiben erhalten: Auf dem Kaispeicher A entsteht mit der Elbphilharmonie ein neues Hamburger Wahrzeichen, in den Kaispeicher B ist das Internationale Maritime Museum Hamburg eingezogen, das Alte Hafenamt wird zum gastronomischen Zentrum im Überseequartier und an der Shanghaiallee bleibt mit dem Prototypmuseum der erste große Industriestandort präsent. Und natürlich bleibt die Speicherstadt als Gesamt-Ensemble erhalten. Sie steht auf der Tentativliste für das Weltkulturerbe und wird die HafenCity beeinflussen und prägen, ebenso wie die HafenCity-Neuentwicklung der Speicherstadt neue wirtschaftliche Ebenen eröffnen wird.

Selbst über solche offensichtliche Einflüsse hinaus spielte die Historie bei vielen stadtplanerischen und architektonischen Entscheidungen eine wichtige Rolle. Zahlreiche historische Bezüge sind klar erkennbar, andere sind eher subtil und wirken fast schon unbewusst. So werden sich Alt und Neu an vielen Orten im Stadtteil treffen, vielleicht verbinden – und auf jeden Fall einen spannenden Dialog eingehen, auch wenn die HafenCity selbst – bis auf wenige Gebäude – aus Neubauten bestehen wird.