Projekt HafenCity

Der Hafen als Wachstumsmotor der Stadt

Das Foto zeigt Bewohner der Fleetinseln im 19. Jahrhundert

Die räumliche Enge der alten Wohnquartiere am Hafen war auch ein begünstigender Faktor für die Cholera-Epidemie im Jahr 1892 (© Staatsarchiv Hamburg)

Vor allem im Rücken dieses Viertels, also auf dem Areal der heutigen HafenCity, wuchs der Hafen weiter. Ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die neu gegründeten Staaten in Südamerika zu wichtigen Handelspartnern der Hamburger Reeder und Kaufleute und der Güterumschlag nahm stark zu. Deshalb konnte er nicht mehr, wie bisher, direkt im Strom bewältigt werden. Mit dem Sandtorhafen entstand 1863 bis 1866 das erste moderne Hafenbecken; die neuen Dampfschiffe fuhren nun unmittelbar in die Stadt hinein. Sie machten direkt an den neu geschaffenen Kaimauern fest und wurden mithilfe von Kränen be- und entladen. Vorher hatten die Schiffe noch an vorgelagerten Duckdalben festmachen müssen und die Ladung ließ sich durch Schuten löschen, die die Waren ihrerseits an Land transportieren mussten – ein umständlicher Ablauf.

Doch nun wurden die Güter ohne Umweg vom Schiff direkt am Kai auf die Schiene (oder Straße) verladen; möglich war aber auch eine Lagerung in nahen Schuppen. Dieses Abfertigungssystem war das modernste weltweit und Hamburg galt bald als besonders schneller Hafen. So entstand im Lauf des 19. Jahrhunderts jene hafentypische Struktur, die auch die HafenCity weiterhin prägen wird. Nachdem von 1862 bis 1866 der Sandtorhafen gebaut worden war, folgte von 1872 bis 1881 die Fertigstellung des Grasbrookhafens; außerdem kamen 1872 der Magdeburger Hafen, circa 1880 der Brooktorhafen und 1887 der Baakenhafen hinzu. Um die Hafenanlagen vor Hochwasser zu schützen, wurde das ehemals tief liegende Marschvorland schrittweise auf vier bis fünf m über Normalnull aufgehöht. Wenn heute die Gebäude der HafenCity auf hochwassersicheren Warften annähernd 7,5 bis 8,0 m über Normalnull entstehen, wird diese Entwicklung also fortgeschrieben.

Auch der schnelle Weitertransport der Waren war inzwischen gewährleistet: Mit dem Brückenschlag über die Elbe wurde 1872 eine Eisenbahnverbindung nach Mittel- und Süddeutschland hergestellt – ausgehend vom Hannoverschen Bahnhof, der sich ebenfalls auf heutigem HafenCity-Gebiet (Quartier Am Lohsepark) befand. Hamburg baute so seine Rolle als Verkehrsknotenpunkt immer weiter aus; hier fand der Umschlag zwischen See- und Binnenschifffahrt, Bahn und Straße statt.

Jahrhunderte lang hatte auch das noch immer geltende Privileg der Zollfreiheit den Boom des Hamburger Hafens befördert, doch nachdem die Freie und Hansestadt 1871 im neu gegründeten Deutschen Reich aufging, waren diese Sonderrechte nicht mehr zu halten. Schließlich vereinbarten Senat und Reichsregierung einen Kompromiss: Im Stadtgebiet würde die Zollfreiheit zwar fallen, in einem abgegrenzten Hafengebiet aber weiterhin gelten. Um diese Freihandelszone kontrollieren zu können, mussten Hafen und Lagerstätten jetzt allerdings zum ersten Mal in der Geschichte an einem Ort zentriert werden.

Voraussetzung dafür waren Baumaßnahmen im ganz großen Stil: Auf den Fleetinseln Brook, Kehrwieder und Wandrahm, also in unmittelbarer Nachbarschaft der Hafenbecken, sollte der damals modernste Speicherkomplex der Welt entstehen. Zwar lebten dort rund 20.000 Menschen in den Altstadtvierteln, doch den kommerziellen Interessen der Kaufleute räumte die Freie und Hansestadt Priorität ein, während sie den bisherigen Bewohnern nicht einmal eine Ersatzunterkunft stellte.

Jetzt wuchs eine Stadt in der Stadt: Die Speicher verfügten über eine eigene Energieversorgung (das Kesselhaus in der Speicherstadt ist heute das Infozentrum der HafenCity) und über neueste Technik zur Lagerung der Waren sowie deren Löschung von der Wasser- und der Landseite aus. Durch den Zollkanal wurde das Gebiet vom übrigen Hamburg getrennt; wer das Gewässer überquerte, musste sich von Zöllnern kontrollieren lassen. Nun wohnte man an der Alster und handelte im Kontorhausviertel; die Speicherstadt wurde zum Herzen des Lagerhauskomplexes im Freihafen.

Auch als Industriestandort gewann der Hafen an Bedeutung. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts hatten sich die Hamburger Gaswerke auf dem Grasbrook niedergelassen und versorgten von hier aus weite Teile der Stadt und der umliegenden Gemeinden. Allmählich wandelte sich der Gasproduzent immer mehr zu einem modernen Energielieferanten; das Stammwerk auf dem Areal der heutigen HafenCity wurde mehrmals erweitert und modernisiert. Der einsetzende Kautschuk-Boom griff ebenfalls auf Hamburg über: Aus Amazonien, später auch aus Asien, wurde der Rohstoff in die Hansestadt verschifft und dort gleich zu Gummi weiterverarbeitet – einem damals fast revolutionären, in zahlreichen Branchen gefragten Werkstoff. Einzig die Hamburger Werften hatten größere Belegschaften als die kautschukverarbeitenden Fabriken.